Parade

Parade – Bilder

Parade

2017

Schauen Sie sich unseren Trailer an.

Ein besonderes Dankeschön gilt an dieser Stelle Stephan Drewianka (www.musical-world.de) und Dennis Schmidl (www.musical-kompass.de) für die wunderschönen Fotos von unserer Aufführung.

Bildergalerie

Parade – Zuschauerstimmen

Parade

2017

Zuschauerstimmen

Astrid Pipperger-Schulz aus Münster
schrieb am 03.12.2017:

Vielen Dank für einen wunderschönen Abend gestern. Ich bin noch heute beeindruckt von der Professionalität des gesamten Ensembles. Es ist Euch gelungen, alle nur erdenklichen Gefühle in mir auszulösen, und das von der 1. Minute an. Es gab viele Gänsehaut-Momente. 

Ich war vor 18 Jahren bei dem ersten Projekt „Anatevka“ mit dabei. Aber was hat sich seitdem getan. Einfach der Wahnsinn. 
Es ist toll, was ein Laienensemble – ich finde der Begriff greift zu kurz – ihr wart sooooo professionell – auf die Beine stellen kann. Ich kann nur erahnen, wieviel Zeit und Geld ihr da hinein gesteckt habt, aber es hat sich gelohnt. Die Spielfreude und das Engagement eines jeden Mitgliedes des Ensembles, sei es auf der Bühne, vor der Bühne im Orchester oder hinter der Bühne (Licht / Maske / Requisiten / Bühnenbild) hat gezeigt, mit wieviel Herzblut ihr dabei wart, und das hat mich sehr berührt. Ich bin sooooooo stolz auf Euch!!!!

Meine Kollegin […] sagte mir, wenn ich mir dieses Musical nicht anschaue, bin ich selber schuld. Recht hat sie!!! Ich kann nur jedem empfehlen, sich die Dernière anzuschauen – eine Chance habt ihr noch!!!

Und Euch, Euch wünsche ich eine wunderbare Dernière heute. Geniesst jeden einzelnen Moment. Ihr habt so hart dafür gearbeitet. Und danach, feiert Euch ordentlich.
Ingo sagte vor dem 2. Akt, dass ein Lob, Eurer einziger Lohn sei. Ich glaube, Euer Lohn ist, ganz viele Menschen glücklich gemacht zu haben und ich hoffe, ich konnte Euch mit diesem Eintrag fürstlich „entlohnen“.

Danke an alle, dass ihr uns, dem Publikum, einen unvergesslichen Abend beschert habt. Fühlt Euch von mir alle umarmt und in den Musical-Olymp gehoben.

Gabriele aus Magstadt
schrieb am 14.11.2017:

Ich bin kein Musical-Fan.

Eure Aufführung hat mich eines besseren belehrt. Musical muss nicht seicht im Thema und effekthaschend aufgemotzt sein (man lese…ich mag es wirklich nicht ;-)).

Es war spannend … schön … erschütternd … mitreißend … wunderbar …aufrüttelnd.
Wie einfach kann eine Menge manipuliert werden, aufgestachelt zu einer Meute hasserfüllter Nichtmehrselbstdenker.
Ja, das Stück ist leider hochaktuell …

Ein toller kraftvoller Chor, ein beeindruckendes Orchester, tolle Kostüme, stimmiges Bühnenbild, gute, teilweise hervorragende Solisten. 

Ich fahre auch nächstes Jahr wieder – extra für ein Musical – 700 km nach Münster.

Musicalliebhaberin bin ich immer noch nicht – aber ein großer Fan vom FME Münster!

Christiane Smarslik aus Münster
schrieb am 01.12.2017:

… wer sich dieses Musical entgehen lässt – ist selber Schuld!

ein gut aufgestelltes, engagiertes und musikalisch anspruchsvolles Orchester, das richtig viel zu tun hat

eine packende Story – sehr gut umgesetzt – von allen Schauspielern

das Programmheft dazu ist sehr informativ und gelungen!

das muss man einfach erlebt haben!

Respekt! 
herzliche Glückwünsche an Alle!

Andreas aus Münster
schrieb am 20.11.2017:

Ein super schöner und gelungener Abend gestern (19.11) und auch der Preis war völlig zurecht. Singe selber im Chor und was einfach von den schönen Stimmen geflasht:)
Tolles Orchester, man merkte, dass alle echt Spaß an der ganzen Sache hatten!!! Weiter so und noch viele schöne Auftritte!

Sonja aus Münster
schrieb am 19.11.2017:

Es war wieder total begeisternd! Der Gesang,Orchester, die Choreografie und die kostüme. Ich war im Sommer in Einem Musical deren Freilichtbühne tecklenburg. Aber eure Aufführung ist viel besser und den Profis und den großen musicaltheatern mehr als ebenbürtig! ! Warum seid ihr nicht nicht so berühmt? Vielen Dank für den schönen Abend! Schade, dass man jetzt wieder 1 jahr auf einen Auftritt des FME warten muss. Es wäre schön.euch öfters sehen zu können!!

Jörg aus Berlin
schrieb am 18.11.2017:

Unglaublich. Ich hätte nie gedacht, dass man mit einer Laientruppe so etwas so beeindruckend auf die Bühne bringen kann. Ein langer, hinreißender Abend, inhaltlich, schauspielerisch und musikalisch. Alles gepasst. Da werde ich wohl noch lange drank denken.

Parade – Presse

Parade

2017

Berichte zu „Parade“:

Musical-World, Dezember 2017
Deutschsprachige Erstaufführung des Musicals „Parade“ des Freien Musical-Ensembles Münster

Familiert.de, 29.11.2017
Parade – Musicalstimmung in Münster

Westfälische Nachrichten, 12.11.2017
Freies Musical Ensemble präsentiert Musical „Parade“: Spießbürger suchen den Schuldigen

erlesenes­muenster.de, 11.11.2017
Großer Bahnhof in der Waldorfschule 

musikschulwelt, Herbst 2017
»Wozu gibt es Grenzen? Um sie zu überschreiten …«: Interview zur deutschen Erstaufführung von »Parade« durch das Freie Musical-Ensemble Münster e.V.

MK blickpunkt, 09.11.2017
Steimbkerin erfolgreich auf Musical-Bühne: Katharina Datan spielt Hauptrolle in „Parade“

Münstersche Zeitung, 08.11.2017
Proben für das große Solo: Saerbecker Schülerin spielt beim Freien Musical-Ensemble Münster mit

RP Online, 08.11.2017
Musical-Mann Melvin

Salzgitter Zeitung, 05.11.2017
Salzgitteraner spielt große Musical-Rolle

Westfälische Nachrichten, 03.11.2017
Freies Musical Ensemble zeigt deutsche Erstaufführung von „Parade“
Zuschauer werden selbst zu Tätern

Alles Münster, 09.10.2017
Amerikanische Südstaaten treffen auf Westfalenmetropole

musicalinsider.io, 29.09.2017
»Parade« November 2017 als deutschsprachige Erstaufführung in Münster

musikschulwelt, Sommer 2017
Außergewöhnliches Musical-Projekt in Münster

Alles Münster, 10.02.2017
Freies Musical-Ensemble zeigt „Parade“

Video-Beiträge zu „Parade“:

FME via YouTube, 16.11.2017
Trailer: Parade – das Musical

Parade – Besetzung

Parade

2017

Besetzung

Leo Frank: Frank Janßen

Lucille Frank: Katharina Datan

Mrs. Phagan: Christina Walter

Mary Phagan: Noemi Wicher

Factory Girls: Lisa Loomann (Iola), Ekaterina Garina (Monteen), Amelie Bürgstein (Essie), Kira Bobrowski (Amber), Marleen Bürgstein (Olivia)

Frankie Epps: Jonas Buchholz

Britt Craig: Sönke Westrup

Junger Soldat: Jonathan Kaas

Alter Soldat: Jonathan Türk

Hugh Dorsey: Melvin Schulz-Menningmann

Richter Roan: Carsten Jaehner

Gov. John Slaton: Christoph Bürgstein

Sally Slaton: Canan Toksoy

Luther Rosser: Jan Dübbers

Jim Conley: Patrick Stiebe

Newt Lee: Kojo Owusu

Minnie: Shila Nyambu

Off. Ivey: Lukas Rojahn

Det. J. N. Starnes: Frank Kasuch

Watson: Jonas Hilbert

Peavy: Alexander Rauschenberg

Fiddlin‘ John: Giacomo Rößler

Bürger von Atlanta/Ensemble: Aileen Hölscher, Alexandra Sonntag, Alicia Tillack, Andreas Strothmann, Christian Bohne, Corinna Dolenc, Corinna Kudak, Fabian Müller, Febe Homrighausen, Franziska Eickholt, Franziska Uhlenbrock, Gunnar Friebe, Hannah Wittbrodt, Jan Terheyden, Jana Mengeu, Judith Krieger, Jutta Lahrmann, Katharina Kleber, Katharina Laukemper, Katinka Teckhaus, Lara Kaiser, Laura Volk, Mareike Linnemann, Matthias Jockheck, Monika Schrief, Robert Hombach, Sarah Hartmann, Sonja Roeske, Svenja Lobmeyer, Vera Schultka, Viktoria Schmitz, Vincent Musial

Parade – Was Leo Frank zum Verhängnis wurde

Parade

2017

Geschichtliche, soziokulturelle und persönliche Hintergründe

Atlanta ist ein wichtiger Charakter im Stück, sagt Jason Robert Brown, der Komponist von Parade. Und ohne den geschicht­lichen und soziokulturellen Hintergrund des ausge­henden 19. Jahrhunderts von Georgia und Atlanta zu berücksichtigen, könnte es passieren, dass man den Lynchmord an Leo Frank als rein antisemitischen Akt auffasst. Keine Frage, der Mord war antisemitisch motiviert. Jedoch war er weit mehr als das, denn Leo Frank repräsentierte alles, was dem besiegten Süden hassenswert erschien, weil es ihr Leben elend machte. Er war ein Yankee, er war Jude, und möglicherweise das Schlimmste in ihren Au­gen: Er war ein Boss. 

Der Süden hatte den Krieg verloren. Ein Großteil des Landes war zerstört, seine Währung war wertlos, In­frastruktur vernichtet. Hohe Verluste an Menschenleben – auf beiden Seiten, denn der Krieg hatte mehr als 620.000 Soldaten das Leben gekostet. Die Zivilbevölke­rung (ver)hungerte, konnte ihr altes Leben nicht wieder aufnehmen. Zwei Drittel von Atlanta waren zerstört. Die Menschen waren hei­matlos, entwurzelt, ihre Le­bensweise und Kultur wert­los in den Augen der Sieger. Eine Zivilisation vom Win­de verweht. 

Die Rekonstruktionszeit, die geprägt war von gra­vierenden Veränderungen durch das Diktat des Nor­dens, hatte eine romantische Verklärung der Vorkriegsge­sellschaft des alten Südens entstehen lassen. „Das Land der Gentlemen und Baum­wolle, das man den Alten Süden nannte – hier, in die­ser schönen Welt, verbeugte sich die Galanterie zum letz­ten Mal. Hier konnte man die letzten Ritter und edlen Damen sehen, Herren und Sklaven. Heute ist dieser fast vergessene Traum nur noch in Büchern zu finden.“ Die berühmte Einleitung zu einem der bekanntesten Filme der Welt, „Vom Win­de verweht“, macht genau dieses Gefühl des Verlusts deutlich, das viele (insbe­sondere der ärmeren Bevöl­kerung) schmerzlich fühlten und was sie verbittern ließ. 

Soziale Spannungen

Allein in Atlanta lebten 50.000 Menschen, die Verlie­rer des neuen Systems, in ka­tastrophalen Verhältnissen in weißen Slums, während es sich die Kriegsgewinnler und reichen Investoren aus dem Norden von der Peach-tree Street und Washington Avenue auf ihre Kosten gut gehen ließen. 

Die einstmals galanten Gentlemen des Südens, die sich ritterlich um die Gunst der Südstaaten­schönheiten bemühten und denen ihre Ehre gebot, Jungfrauen in Nöten zu retten, hatten ausgedient. Ihr Selbstwertgefühl lag am Boden. Sie schufteten in Fa­briken, wenn sie überhaupt eine Arbeit in der Stadt fan­den. Ihr Verdienst lag um 37% unter dem Verdienst eines Arbeiters im Norden und reichte nicht aus. Viele Familien hungerten.

Sie, die Beschützer und Er­nährer ihrer Familien, konn­ten ihre Familien nun nicht mehr ernähren. Und auch nicht beschützen, denn sie mussten ihre Frauen, ihr Söhne und Töchter den rei­chen Bossen überlassen, die sie in ihren Fabriken aus­beuteten und vor deren se­xuellen Übergriffen sie ihre Väter und Ehemänner nicht schützen konnten. Die Wut der ärmeren Bevölkerung wandelte sich in Hass. 

Mary Phagan als Sinnbild

Mary Phagan repräsentierte für diese Menschen auf na­hezu perfekte Art das reine unschuldige Opfer, obgleich ihre Familie nicht in bitterer Armut lebte. Sie machten aus ihr ein Opfer der ver­kommenen reicheren Un­terdrückerschicht, die sich alles herausnehmen konnte und zu der in ihren Augen Leo Frank gehörte. Und der sich ihrer Meinung nach durch die Einmischung des Geldadels seiner gerechten Strafe entziehen konnte, weil Gouverneur Slaton Leo Franks Todesstrafe in lebenslängliche Haftstrafe umgewandelt hatte. Mary Phagan wurde zum Sym­bol der Misere der ärmeren Bevölkerung. Sie alle sahen sich selbst in Mary als Op­fer und die Tatsache, dass sie nicht in der Lage waren Mary zu helfen, geschweige denn, über ihren Mörder zu richten, machte sie wütend. Sie fühlten sich erniedrigt, nannten Slaton einen Verrä­ter und hängten vor seinem Haus eine lebensgroße Pup­pe, mit einem Schild mit der Aufschrift: „Verräter Slaton – König der Juden“. 

Antisemitismus und Populismus

Die antisemitische Stim­mung wurde von Tom Wat­sons flammenden Hetz- und Schmähschriften in seiner Zeitung „The Jeffersonian“, angeheizt. In den Artikeln wurde infrage gestellt, ob die Juden der weißen Ras­se angehörig seien und sie wurden für die wirtschaft­liche Misere großer Teile der Bevölkerung verant­wortlich gemacht, denn einige von ihnen waren wohlhabend und besaßen gut gehende Geschäfte. Die gelegentlichen Anfein­dungen wurden im Laufe der Verhandlungen immer häufiger. Die Artikel trugen Überschriften wie: „Sind Juden weiß?“ oder: „Die verzweifelten Versuche des großen Geldes, Verbrecher zu schützen“. Darin stand: „Ganz Georgia wurde VER­GEWALTIGT… Judengeld hat uns erniedrigt, gekauft und verkauft, und lacht uns aus. Lasst niemanden den Süden wegen Lynchjustiz kritisieren. Vielmehr soll er überlegen, ob Lynchjustiz nicht besser ist, als keine Gerechtigkeit zu erfahren.“ Watsons politischer Ver­bündeter, Joseph M. Brown, der ehemalige Gouverneur von Georgia und Slatons direkter Vorgänger, rief am 8. August, nur Tage vor Leo Franks Lynchmord, die Be­völkerung auf, Lynchmobs zu bilden und plante Franks Ermordung.

Die Tradition der Lynchjustiz

Lynchjustiz (die nicht ge­richtlich angeordnete Hin­richtung eines Menschen durch eine Gruppe von mindestens drei Personen, häufig unter dem Vorwand der Gerechtigkeit zu die­nen) war in den Südstaaten noch sehr verbreitet und wurde als Mittel angesehen, das Gesetz in die eigenen Hände zu nehmen, insbe­sondere dann, wenn die of­fizielle Gerichtsbarkeit dem Bedürfnis nach Vergeltung nicht Genüge getan hatte. 

Im Fall Leo Frank war genau das passiert. Ihrer Meinung nach hatte Gouver­neur Slaton seinen Eid, die Verfassung und die Ehre des Staates Georgia zu schützen, gebrochen. Er hatte das von ihnen bejubelte Todesur­teil umgewandelt und sie damit um ihre Vergeltung gebracht. Hoch angesehene Mitglieder der Gesellschaft wie z.B. ein ehemaliger Gou­verneur von Georgia, meh­rere Richter, der ehemalige Bürgermeister von Marietta, ein zukünftiger Bürgermei­ster von Marietta, Polizeibe­amte, weitere Juristen, aber auch der Onkel von Mary Phagan und andere ritter­liche Gentlemen empfanden es nun als eine Frage der Ehre, den Mord an „der klei­nen Mary Phagan“ zu süh­nen. Bezeichnenderweise nannte sich die Gruppe, die Leo Frank in der Nacht vom 17. August 1915 aus dem Gefängnis entführte und in Marietta, dem Heimat­ort von Mary, lynchte, „The Knights of Mary Phagan.“ (Mary Phagans Ritter). Kei­ner von ihnen wurde je für diese Tat zur Rechenschaft gezogen.

Viele von ihnen folgten später dem Aufruf Tom Wat­sons im „Jeffersonian“ vom 2. September 1915 zur Wie­derbelebung des Ku Klux Klans. Die Zeremonie fand am 13. November 1915 auf dem Stone Mountain in der Nähe von Atlanta statt und demonstrierte eindrücklich die Wiederbelebung der Organisation, die ursprüng­lich von Konföderiertenve­teranen gegründet worden war, um die „Lebensweise der Südstaaten zu schüt­zen“ und Angst und Schre­cken unter der afroameri­kanischen Bevölkerung zu verbreiten. Lynchen war dabei an der Tagesordnung, allerdings hatte diese Grup­pe nun ein weiteres Feind­bild außer den Afroameri­kanern, und das waren die Juden. Das Lynchen von Schwarzen wurde als De­monstration der Überle­genheit der weißen Rasse angesehen. Durchschnitt­lich zwei Lynchmorde pro Woche wurden verübt, zum Teil mit Volksfestcharakter. Groß angelegte Lynchakti­onen mit über tausend Sen­sationslustigen waren keine Seltenheit, wobei in 80% der Fälle afroamerikanische Bürger gelyncht wurden. Leo Frank ist das einzig be­kannte jüdische Opfer eines Lynchmordes in den USA. Auch bei ihm geht man von etwa tausend Schaulustigen aus, die im Laufe des Tages zur Hinrichtungsstätte ka­men, um ihn hängen zu se­hen. 

Rassismus

Das Gesicht von Atlanta hatte sich 1906 nach den Rassenunruhen mit über 100 Toten verändert. Die Rassentrennung wurde noch deutlicher und rigoro­ser durchgesetzt. Die Stadt war anfälliger für Populis­mus und Propaganda, und die unterschwelligen Span­nungen konnten sich jeder­zeit entzünden. Die Presse der Stadt lag unter anderem in den Händen von Tom Watson, einem rassistischen und antisemitischen Po­pulisten, der sich die Stim­mung zunutze machte, um seine politische Karriere voranzutreiben. Es gelang ihm auch: 1920 wurde er in den US-Senat gewählt. Bereits die Rassenunruhen hatten sich an einem von seiner Zeitung herausge­brachten Artikel über den unbestätigten Überfall von Afroamerikanern auf wei­ße Frauen entzündet. Der Rassismus beschränkte sich jedoch nicht nur auf die Dis­kriminierung der afroame­rikanischen Bevölkerung, sondern der Gedanke einer überlegenen weißen Rasse (white supremacy) machte sich breit.

Ironischerweise stützte sich die Verteidigung von Leo Frank ebenfalls auf ras­sistische Vorurteile, um Jim Conley zu diskreditieren. Sie bezeichneten ihn als ty­pischen „Neger, der meist betrunken irgendwo he­rumliegt, dumm und faul ist und durch und durch krimi­nell.“ 

Auch das wurde Leo Frank aus zwei Gründen zum Verhängnis: Zum einen traute man einem „dummen Neger“ ein so gerissenes Ver­brechen nicht zu, und daher könne Jim Conley nicht der Mörder sein. Zum anderen befand man, wäre die Verur­teilung eines Negers ein zu niedriger Preis, um den Tod „der kleinen Mary Phagan“ zu sühnen, denn das Leben eines Negers sei nicht wert­voll genug. In einer Zeit, in der arme weiße Familien be­schämt und schuldbewusst ihre Töchter zum Arbeiten in die Fabriken schicken mussten, verlangte der bru­tale Mord an einem unschul­digen Mädchen nach einem gerisseneren Schurken als einem betrunkenen schwar­zen Hausmeister wie Jim Conley oder einem stam­melnden schwarzen Nacht­wächter wie Newt Lee.

So kam die Verhaftung eines Juden, und dann noch eines Yankeejuden wie ge­rufen, denn auch die Juden standen unter pseudowis­senschaftlicher Beobach­tung hinsichtlich rassischer Merkmale. Ihnen sagte man nach, besondere Merkmale ihrer Rasse seien intelligente Verschlagenheit, trügerische Wortgewandtheit und sexu­elle Perversion. Im Fall Leo Frank wurden diese Katego­rien immer wieder als „Be­weis“ dafür herangezogen, dass Jim Conley ihm in jeder Hinsicht unterlegen sei und daher nicht der Mörder sein könne. 

Es scheint daher erstaun­lich, dass ein Weißer auf­grund der sich auch noch widersprechenden Aussa­gen eines Schwarzen verur­teilt wurde. Der Rassismus war aber inzwischen so weit gediehen, dass man ernst­haft bestritt, dass die Juden überhaupt zur vermeintlich überlegenen weißen Rasse gehörten. Demzufolge sa­hen sie Leo Frank nicht als einen der ihren an, der sich gegen die Anschuldigungen eines Schwarzen zur Wehr setzen musste. Leo Frank war keiner von ihnen. Er war Jude.

Der Rassismus rettete Jim Conley das Leben und kostete Leo Frank das seine.

Ehrgeiz und Karrieresucht

Tom Watson, der außerdem Mitbegründer der Populist Party war, hatte ein Interes­se daran, sich als Advokat der geschundenen weißen Bevölkerung aufzuspielen. Seine reißerischen antise­mitischen und rassistischen Hetzkampagnen, die die Wut der Bevölkerung wei­ter schürten und ihn als Sprecher der kleinen Leute emporhoben, brachten ihm viele Wählerstimmen ein. Für ihn war die Verurteilung Leo Franks ein persönlicher Erfolg, zu dem er beigetra­gen hatte und für den er sich feiern ließ. Ein anderer angehender Po­litiker profitierte ebenfalls von der Verurteilung. Mehr noch, es war für ihn die letzte Chance, einen Erfolg in seiner Karriere zu verbu­chen. Hugh Dorsey, der Be­zirksstaatsanwalt, hatte den Ruf, jeden Fall zu verlieren, dem er zugeteilt war. Selbst Fälle, die klar auf der Hand zu liegen schienen, verlor er. Daher versuchte er um jeden Preis, eine Verurtei­lung von Leo Frank herbei­zuführen. Er brauchte einen Erfolg vor Gericht, wollte er jemals eine politische Positi­on bekleiden. Und auch für ihn hat sich die Verurteilung von Leo Frank schließlich bezahlt gemacht. Hugh Dor­sey wurde 1916 Gouverneur von Georgia. 

Ein vielschichtiger Fall

Zusammenfassend lässt sich sagen: Die Verzweiflung der Menschen aufgrund des ver­lorenen Krieges und der Ver­lust der kulturellen Identität hatten die Menschen verbit­tert. In der Zeit des Wieder­aufbaus nach dem Krieg ent­wickelte sich ein explosives Gemisch unterschiedlicher sozialer Konflikte. Es fand keine Aussöhnung statt, die Rassenkonflikte schwelten ebenso weiter wie die Span­nungen zwischen den sozi­alen Schichten. Frustration schlug in Wut um und en­dete in gewaltsamen Aus­schreitungen, da sich die Menschen erniedrigt und verraten fühlten. Die Men­schen nahmen die Gesetze in die eigene Hand und verübten Lynchjustiz. Oft wurden diese durch antise­mitische und propagandi­stische Presseartikel unter­stützt, hinter denen häufig skrupellose, ehrgeizige und machthungrige Politiker steckten. 

In diesem Spannungs­feld ist der Fall Leo Frank zu sehen. Ein Fall, der die Men­schen noch heute beschäftigt und der nicht ruhen kann und will. Die Großnichte von Mary Phagan, Mary Phagan Kean bringt 1988 ein Buch heraus, in welchem sie „Beweise“ für die Schuld Leo Franks darlegt. Am To­destag ihrer Großtante steht sie mit ihrem Bild an ihrem Grab und klagt Leo Frank an. Zahlreiche Websites, die den White Supremacists zu­zuordnen sind, überbieten sich in diffamierender Aus­drucksweise die vom notgei­len perversen Juden bis zum pädophilen Serienvergewal­tiger reichen. Die jüdische Anti Defamation League, die um die Zeit des Falles gegründet wurde, bemühte sich stets um die vollstän­dige Rehabilitierung Leo Franks. Unzählige Bücher wurden von beiden Seiten über den Fall geschrieben, Filme und Dokumentati­onen gedreht. Und schließ­lich gibt es das Musical „Parade“. Der Grund, wes­halb Sie heute hier sind.

Von Silke Eisenrichter

Parade

Parade

2017

Im November 2017 zeigte das Freie Musical-Ensemble Münster e.V. die deutsche Erstaufführung des Musicals „Parade“. Das Buch zum 1998 am Broadway uraufgeführten Musical stammt aus der Feder von Alfred Uhry, die Musik schrieb Jason Robert Brown. Das Stück gewann zwei Tony Awards und ist in den USA sehr bekannt. 

Bereits 2014 wollte das FME Parade auf die Bühne bringen. Doch die heftigen Unwetter machten dem Ensemble kurz vor der Premiere einen Strich durch die Rechnung: Der Konzertsaal der Waldorfschule – seit jeher die Spielstätte des FME – wurde von mehreren tausend Litern Wasser überflutet und musste renoviert werden. 

Inhalt

„Parade“ beruht auf der wahren Geschichte des jüdischen Fabrikdirektors Leo Frank, der 1913 im amerikanischen Bundesstaat Georgia – obwohl unschuldig – der Vergewaltigung und Ermordung seiner 13-Jährigen Angestellten Mary Phagan für schuldig befunden und zum Tode verurteilt wurde. Kurze Zeit nach seiner Verurteilung tauchten entlastende Hinweise auf, aufgrund derer der Gouverneur von Georgia sein Todesurteil in lebenslange Haft umwandelte. Doch Leo Frank wurde daraufhin von einer Gruppe, die sich „The Knights of Mary Phagan“ nannten, aus dem Gefängnis entführt und im Heimatort des Opfers erhängt. 

Hintergrund

Die mediale Begleitung des Prozesses und die Aufarbeitung von Franks Ermordung hatte weitreichende Konsequenzen: Der Ku Klux Klan lebte wieder auf, aber auch die ADL (Anti-Defamation League) wurde gegründet, die sich auch heute noch für die Bürgerrechte jüdischer Mitbürger stark machte.

„Parade“ verdeutlicht auf beklemmende Art und Weise, welche Auswirkungen Sensationslust haben kann, wie sich Menschen unter Druck verändern und manipulieren lassen und wie dadurch das Schicksal Einzelner beeinflusst wird. Zudem zeigt es nachdrücklich auf, wie es zur Hetzjagd auf Leo Frank kommen konnte. Gruppenzwang, Lynchjustiz und Antisemitismus gehören zu den zentralen Themen des Stückes.

Musik

Auch musikalisch ist das Musical sehr facettenreich: Man hört die für die Südstaaten typischen Dixieklänge, aber auch traurige Balladen und beschwingte Musicalnummern. Im Rahmen der Memorial Day Parade, von der das Stück seinen Namen hat, erklingt auch Marschmusik, die je nach Tempo verschiedene Stimmungen transportiert. Für seine Kompositionen wurde Brown 1999 mit dem Tony Award belohnt.

„Parade“ ist ein anspruchsvolles und dramatisches Musical mit Tiefgang und mitreißender Musik, das den Zuschauer auch nach dem Besuch noch lange beschäftigen wird. 

Weitere Informationen

Buch: Alfred Uhry
Musik und Text: Jason Robert Brown
Deutsche Texte: Ingo Budweg
Uraufführung: 17. Dezember 1998, Vivien Beaumont Theatre, New York
Deutsche Erstaufführung: Freies Musical-Ensemble Münster im November 2017