Michael Hierer
schrieb am 21. November 2016
Liebes FME,
ich kann mich noch sehr genau erinnern, wann ich das letzte mal von einem Bühnestück ehrlich berührt war. Es war eine Londoner Inszenierung von "Rent" im English Theatre Frankfurt. Der Moment, als ich weinen musste, war genau, als Maureen bei Angels Beerdigung sagte "You always said how lucky you were, that we were all your friends. But it was us, baby. We were the lucky ones." Das war im Winter 2005/2006. Also vor 10 Jahren.
Seitdem habe ich unzählige weitere Bühnenstücke gesehen, vornehmlich Musicals. Keines hat mich je wieder so berührt wie Rent. Damit will ich gar nichts schlecht machen. Im Gegenteil: viele Stücke waren fantastisch! Aber die völlige emotionale Vertiefung des Zuschauers ist ausgeblieben.
Bis vor 3 Wochen.
Dass ihr als "Amateur"-Ensemble es geschafft habt, so etwas wieder auszulösen, ist ein einziger Paukenschlag. Ein Hamburger Schauspieler hat mal sinngemäß gesagt "Mir ist egal was der Schauspieler fühlt, es zählt nur was der Zuschauer fühlt". Es war nicht zu übersehen, dass bei euch BEIDE Seiten aufrichtig gefühlt haben. Und jedes Lob, das ihr von Zuschauern, Zeitung und Fachpresse bekommen habt und bekommen werdet, habt ihr mehr als verdient. Das liegt nicht nur an der großartigen Gruppenleistung in Chor, Szene und Orchester, sondern auch allen voran an der Intensität, die ihr im Kollektiv und in Einzeldarbietungen transportieren konntet.
Die großen Musical-Häuser in Deutschland arbeiten in mehr als einer Hinsicht auf einem herausragenden Niveau; ob man die Shows nun mag oder nicht. Aber in einer Hinsicht seid ihr ihnen meilenweit voraus: Mut.
Ihr hattet den Mut ein Stück anzugehen, das so ganz und gar nicht in das normale "Beuteschema" eines Musical-Ensembles passt und das vor allem dem Zuschauer sehr viel abverlangt (wie natürlich auch euch). Hätten mehr große Häuser eben diesen Mut, den ihr an den Tag gelegt habt, dann wäre Deutschland ein interessanterer und wertvollerer Musical-Standort.
Was auch immer ihr in der Zukunft tut, bitte behaltet euch unbedingt die Intensität und den Mut bei, und fordert euch und euer Publikum, so wie ihr das in den letzten Wochen getan habt.
Danke!
ich kann mich noch sehr genau erinnern, wann ich das letzte mal von einem Bühnestück ehrlich berührt war. Es war eine Londoner Inszenierung von "Rent" im English Theatre Frankfurt. Der Moment, als ich weinen musste, war genau, als Maureen bei Angels Beerdigung sagte "You always said how lucky you were, that we were all your friends. But it was us, baby. We were the lucky ones." Das war im Winter 2005/2006. Also vor 10 Jahren.
Seitdem habe ich unzählige weitere Bühnenstücke gesehen, vornehmlich Musicals. Keines hat mich je wieder so berührt wie Rent. Damit will ich gar nichts schlecht machen. Im Gegenteil: viele Stücke waren fantastisch! Aber die völlige emotionale Vertiefung des Zuschauers ist ausgeblieben.
Bis vor 3 Wochen.
Dass ihr als "Amateur"-Ensemble es geschafft habt, so etwas wieder auszulösen, ist ein einziger Paukenschlag. Ein Hamburger Schauspieler hat mal sinngemäß gesagt "Mir ist egal was der Schauspieler fühlt, es zählt nur was der Zuschauer fühlt". Es war nicht zu übersehen, dass bei euch BEIDE Seiten aufrichtig gefühlt haben. Und jedes Lob, das ihr von Zuschauern, Zeitung und Fachpresse bekommen habt und bekommen werdet, habt ihr mehr als verdient. Das liegt nicht nur an der großartigen Gruppenleistung in Chor, Szene und Orchester, sondern auch allen voran an der Intensität, die ihr im Kollektiv und in Einzeldarbietungen transportieren konntet.
Die großen Musical-Häuser in Deutschland arbeiten in mehr als einer Hinsicht auf einem herausragenden Niveau; ob man die Shows nun mag oder nicht. Aber in einer Hinsicht seid ihr ihnen meilenweit voraus: Mut.
Ihr hattet den Mut ein Stück anzugehen, das so ganz und gar nicht in das normale "Beuteschema" eines Musical-Ensembles passt und das vor allem dem Zuschauer sehr viel abverlangt (wie natürlich auch euch). Hätten mehr große Häuser eben diesen Mut, den ihr an den Tag gelegt habt, dann wäre Deutschland ein interessanterer und wertvollerer Musical-Standort.
Was auch immer ihr in der Zukunft tut, bitte behaltet euch unbedingt die Intensität und den Mut bei, und fordert euch und euer Publikum, so wie ihr das in den letzten Wochen getan habt.
Danke!
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