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c.g. schrieb am 9. November 2025
Ganz großes Theater *****
Bescheiden versteckt im Vorort Gievenbeck hat sich das Frei Musical-Ensemble Münster e. V. mit seiner neuesten Produktion, Stevensons Jkyll und Hyde. Die Komposition von Frank Wildhorn kommt mal dramatisch laut und mal poetisch zart daher und die Textfassung von Leslie Bricusse schafft eine angemessene Basis mit verständlichen Szenen und intuitiver Spannungskurve des langen Stevensontextes.
Das ländlich in den Wald geduckten Gymnasiums, auf dessen Zuwegen dem abendlichen Besucher ländliches Federvieh entgegenkommt und wo man aufpassen muss, weder Huhn noch Ente zu überfahren, schaffen ein angenehmes Understatement für das was uns erwartet. Schon der der Zuschauerraum, liebevoll hergerichtet mit den Stuhlhussen, der steile Anstieg mit ausnahmslos guter Sicht auf das Stück, die Orchesterbühne und die hohe Theaterbühne geben einen unerwartet professionellen Rahmen für das Folgende. Der Einlass: rasant, das Warten auf den Beginn: kurzweilig, denn es gibt überall was zu entdecken; in der Architektur des Raumes, bei den einlaufenden Musikern, beim Stimmen der Instrumente; beim Auftritt des Dirigenten und künstlerischen und musikalischen Leiters und Regisseurs in Personalunion, bei den mahnenden Worten, den Erläuterungen und den Ausblicken; die Zeit vergeht im Flug und ich freue mich wie ein Kind, als der Vorhang sich das erste Mal öffnet und von nun an erstmal lange nicht schließen wird. Eine tolle Entscheidung, alle Umbauten in musikalisch raffiniert begleiteten Pausen (…da hat aber noch mal jemand ein wenig arrangiert), die uns die Lichtregie mit Vorhängen aus Licht und Mauern aus Schein und Schimmer begleitet. Ein abwechslungsreicher Genuss, jede Umbaupause, für den Zuschauer ein wenig Zauberei, für die SängerInnen und SchauspielerInnen unglaubliche Disziplin das alles noch neben den Auftritten zu bewältigen in wenigen Augenblicken im Schattendunkel der Hinterbühne.
Mächtige Straßenszenen wechseln mit großen Hörsälen, privaten Kammern und Laboratorien mit Bordellszenen; liebevolle Bühnenkulissen, die ihren Anteil haben an der Verzauberung des Publikums. Sowohl die Funktionen der stapel- und klappbaren Architektur der Bühnenelemente als auch die Details in Bemalung und Gestaltung von Requisiten sind klug durchdacht und liebevoll ausgeführt, sicher in langen Wochenendschichten und Abenden oder Nächten, die wir heute nur erahnen können.
Wundervoll auch die Kostüme, die die ganzen Ärzte, Studenten, Hausfrauen, Hausmänner, Privatiers und Sachbearbeiter von heute in Bürger, Forscher, Mäzene, Anwälte, Dämonen, Bischöfe und Mädchen der Nacht des 19. Jahrhunderts verwandelt und Illusionen perfekt machen. Was müssen die nur alles aushalten? Wilde Tänze, dramatische Morde, viel Theaterschminke, dicke und dünne und große und kleine Menschen und sicher auch ein paar Sicherheitsnadeln oder Tackerklammern, die wir nicht sehen, weil wir längst im viktorianischen London angekommen sind und uns nichts weiter von der Illusion überzeugen muss. Wir sind da!
Jetzt sind wir ganz Ohr, wenn uns der heute ganz mühelos daherkommende Jekyll und Hyde (mit Peronalunionen habt ihr es) vergessen lässt, dass er 21 Lieder gelernt, geprobt, gesungen, gesungen, gesungen, gesungen und immer wieder gesungen hat und sicher das gesamte Ensemble eine Kerze für seine Gesundheit angezündet hat, oder ihm in den Pausen einen warmen Kamillentee gebracht hat! Dazu die Zwischentexte, dazu die Choreografien und wenn es üblich wäre im Theater schon zwischendrin „Bravo“ zu rufen, so hätte er es sicher verdient! Im Augenblick singt er gerade von der Enttäuschung, dass sein Antrag nicht bewilligt wurde, ganz zart und leise und manchmal bedeuten die Augen des Dirigenten, der immer alles im Blick hat, dass er ruhig noch ein wenig leiser sein kann und er nimmt es leise an. (wenn man sich in solchen Momenten einmal umdreht, sieht man in diese wohlig lächelnden, zufriedenen, satten, glücklichen Gesichter der anderen Besucher, die man sonst nur nach einem leckeren Essen am späten Abend sieht, wenn die Gespräche verklingen) Alle die, die da Singen bezaubern; die wunderschönen nachdenklichen Lieder der Lucy und der anderen Mädchen in der Roten Ratte gehören ebenso zu den musikalischen, tänzerischen und visuellen Highlights des Zusammenspiels von Bühnenbild, Choreografie Gesang und Schauspiel wie die wuchtigen Chorszenen. Dadurch, dass die Solisten auch immer zum Volk und damit zum Chor gehören, wird alles noch gewaltiger und die Figuren füllen die Bühne durch ihre magische Verdopplung mit Quantität und Qualität und wenn die Szene plötzlich endet, hören wir 50 Stimmen klar auf einer Silbe, auf einem Ton, dann Dunkelheit, dann Stille – Chapeau – Die Szene hallt in unsere Seele nach.
Wundervoll auch die Aura des Hyde, bei der wie Nebeldampf Dämonen aus der Dunkelheit lebendig werden, Raum greifen und mit Ihren Spinnenfingern zu materialisierter Ruchlosigkeit werden. Ein Schwarm aus Bosheit, der Hydes Radius erweitert, der Gedanken-Macht zu Materie werden lässt und der visuelle Eindruck macht. „Sind wir im Kino?“, denke ich manchmal und schau mich um, um mich zu versichern, dass ich noch im Theaterraum sitze.
Zu all dem spielt ein grandioses Orchester. Große Harmonie, Ouvertüre und Begleitung souverän, doch plötzlich verwandelt es sich vor meinen Augen: Die junge Geigerin vor der Pauke hat gerade mit ihrem Bogen die Seite in den Noten umgeblättert, als sie im ekstatischen Krampf zu zittern beginn, auch die anderen vibrieren. Plötzlich schreit die Oboe und das Fagott mit den Solisten im Duett, oder um die Wette, oder gegeneinander; plötzlich wird der Pauker zum ersten Pauker, weil er die erste Geige spielt in diesem kurios arrangierten Stück bei dem alles anders ist, als wir es kennen: Geigen zittern, Bläser schreien, Pauken klopfen im Herzschlag oder wirbeln einen Orkan von Bosheit in die Dämonen auf der Bühne und dann, wenn der Spuk vorbei ist, als sei nie was gewesen, begleiten sie ganz klassisch wieder eine Solistin, treten in den Hintergrund zurück und jeder tut seine Aufgabe. Ich denke mir: „Vielleicht hat auch das Orchester auch ein wenig von dem JH7 getrunken“ Das ist meine Erklärung für die magische Verwandlung hin und wieder. Für eine Weile kommen die Emotionen dann aus der Galle, oder der Leber und nach der Rückverwandlung wieder aus dem Herzen. Ein Zauberkasten musikalischer Ideen!

Als sich nach Stunde 4, fast zur Mitternacht der Vorhang nach dem langen Applaus endgültig schließt, habe ich ganz große Theater genossen. Das Schönste in diesem Jahr (mein erstes Erlebnis war in diesem Jahr „Jekyll und Hyde“ in der Theaterfassung in Hamburg im Januar). Heue hier war alles „on Point“, nichts hat mir gefehlt. Ich habe gelacht, mich gefürchtet, gerührt eine unbemerkte Träne vergossen, war verblüfft über die Musik, habe gestaunt wie viel "Unterhaltungsmusik" in bester Manier manchmal kann, habe viele Ideen gefunden, viele schöne Interpretationen gesehen, viel Gedanken nachgedacht, die ihr vorgedacht habt und viel gelernt

Herzlichen Dank für einen magischen Abend!

Jetzt fahre ich vorsichtig an den Hühnern vorbei (Mord war jetzt genug) summe noch ein wenig: „Wenn die Party dann vorbei ist, geht ein jeder seinen Weg.“, denke noch kurz daran wie witzig ich es fand, dass Dr. Jekyll in seinem viktorianischen Labor ganz schnell als der Scheinwerfer anging noch eine 1,5l PET-Flasche unter den Tisch stellte (das war aber der einzige Fail den ich bemerkt habe) und frage mich einen Moment warum ich das heute Abend nicht in Hamburg oder Dortmund oder Wiesbaden gesehen habe, aber dann weiß ich warum, freue mich, dass es in Gievenbeck war und ich in 5 Min. zuhause im Bett liegen werde und gut schlafen werde.
Ganz große Theater: ***** chapeau claque - (Fünf von fünf Sternen)
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